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Rezensionen

Susanne Siegert, Gedenken neu denken : Wie sich unser Erinnern an den Holocaust verändern muss. Von der Grimme-Online-Award-Preisträgerin, München: Piper 2025, 240 S.

Ein provokanter, ein provozierender – und doch vollumfänglich richtiger – Titel. Das „neue Unbehagen an der Erinnerungskultur“ (Aleida Assmann) breitet sich schon länger aus bei Menschen, die konkret in diesem weiten Feld arbeiten. Und von den Erfahrungen im Projekt „Zeitzeugen“, in der „Gedenkarbeit“ mit Überlebenden der Shoah und der furchtbaren Jahre 1933-1945 trifft sich vieles mit dem, was Susanne Siegert formuliert. Das beginnt schon damit, wie und wann in Schulen das Thema der „Auseinandersetzung mit Naziverbrechen“ (8) behandelt wird. Zwischen „schon wieder das Thema …“ und „habe ich nie was gehört…“ ist leider die Spannbreite und auch hier wäre eine neue Form und ein neuer Umgang, eben eine neue schulische Gedenkarbeit im Sinne einer zeitgemäßen Holocaust-Education vonnöten – wenn, ja wenn nicht immer bei den rituellen politischen (hoffentlich zumindest gut gemeinten) Veranstaltungen stehen geblieben würde. Hier ist Susanne Siegert auch von ihrer eigenen Erfahrung sehr klar, danke.

Von daher ist dieser sehr offene, sehr deutliche und direkte Blick von Susanne Siegert unbedingt nötig, um aus der Schläfrigkeit des scheinbaren „Erinnerungsweltmeisters“ (vgl ‚weremember, S. 11) aufzuwachen.

Susanne Siegert betont neu, was es heißt in einem „Land der Täter“ zu wohnen und aber gerne nur die „gefälligen“ Geschichten der Überlebenden zu hören oder eben der Opfer der Shoah zu gedenken „als moralisches Ritual“ (11), ohne Konsequenz und ohne wirkliche Empathie. Da wird auch eine „ganz andere“ Anne Frank vorgestellt, die eben nicht nur „emotional und leicht verständlich“ (169) ist. Dafür ist ihr auch für die Darstellung der aktuellen Diskussion um Marcel Reif oder Margot Friedländer (162f.) und der „Instrumentalisierung“ ihrer Worte sehr zu danken.  Natürlich ist auch Susanne Siegert klar, dass die Tätergesellschaft auf ein modernes Deutschland trifft mit vielen migrantischen Lebensgeschichten. Und Schüler:innen aufgrund ihrer Familiengeschichte eben zu vielen Teilen keinen direkten Bezug zu dieser Tätergesellschaft haben. Und doch ist es wichtig, allen Menschen in diesem Land klar zu machen, dass dieses Land so nicht bestehen würde, wenn nicht Konsequenzen aus den furchtbaren Jahren 1933-1945 gezogen worden wären.

Und natürlich bringt Holocaustgedenken in seinen vielfältigen Formen i.d.R. keine besseren Menschen hervor, aber es ermöglicht die Frage nach dem Menschsein und nach Menschlichkeit zu stellen.

Dies Buch ist ein wichtiges Korrektiv im Hinterfragen eigenen Tuns in der Gedächtnisarbeit. Es stellt die so notwendige Frage nach der Motivation und Absicht in der Gestaltung einer zeitgemäßen Erinnerungskultur. Es gilt – und das merken wir auch in der Zeitzeugenarbeit – mehr auf die „unbequemen Überlebenden“ zu hören, die von Susanne Siegert mit Heinz Galinski oder Hugo Princz benannt werden. In unserem Projekt „Zeitzeugen“ wäre das z.B. die 91-jährige Holocaust-Überlebende Henriette Kretz aus Antwerpen, die im vergangenen Jahr bei einer öffentlichen Veranstaltung das Publikum fragte: „Was ist IHRE Erinnerung?“

Von dieser Erfahrung kann ich Susanne Siegert nur voll zustimmen, dass wir – soweit wir diesen persönlichen Hintergrund haben (aber auch nicht nur dann) – uns offen mit den Familiengeschichten als „Tätergeschichten“ auseinandersetzen müssen.

Am Ende schreibt uns, die wir mit Zeitzeugen und letzten survivors arbeiten, Susanne Siegert als Motivation ins Stammbuch: „Das absolute Minimum wäre es, den ehemaligen Verfolgten zuzuhören. Ihre Perspektiven, selbst reichlich verspätet, zuzulassen und sichtbar zu machen, (…).“ (171)

EVA SZEPESI UND STEPHANIE LUNKEWITZ, ICH WAR EVA DIAMANT, BERLIN: ARIELLA 2025, 60 S., FARBIG

Sind es die handschriftlichen in blau gehaltenen Sätze von Eva Szepesi am Ende von vielen Seiten, die dieses Buch so besonders machen? „Ich sollte Papa nie wiedersehen.“ (15) „Hier endete meine Kindheit“ (28) an der Rampe von Auschwitz.

Sind es die eindrücklichen Bilder, welche die für Erwachsene geschriebene Geschichte von Eva Szepesi („Ein Mädchen allein auf der Flucht“, Metropol-Verlag, 7. Auflage 2025) im wahrsten Sinne in ein anderes Licht tauchen und versteh- und begreifbarer machen, welche grausam-tragischen Erfahrungen Eva Szepesi als 8-12 jähriges Mädchen machen musste?

Sind es die Vorgriffe auf die desillusionierende Zukunft, wie „möglicherweise waren meine Großeltern zu dieser Zeit bereits tot“ (17) „Es war ein Abschied für immer“ (21), oder „nach dem Krieg erfuhr ich, dass die SS 1944 in nur acht Wochen mehr als 430.000 ungarische Juden deportiert…“ (30)?

Es ist ein anrührendes Buch und wer Eva Szepesi kennt weiß, es ist ein absolut ehrliches und authentisches Buch, und hört die Stimme, die erzählt. Und genauso ehrlich und authentisch sind – die schon erwähnten – Bilder, die zeigen, was Eva Szepesi erzählt und das Grauen erahnen lassen, aber es nicht in seiner Direktheit (wie beispielsweise mehr tote als lebendige „Muselmanen“) zeigen, und so für Kinder begreifbar machen. Die Hände von Eva Szepesi auf dem Titelbild und auf der ersten Seite des Buches mit Familienfotos sprechen auch ihre Sprache.

Wie schon woanders erwähnt muss ein solches Buch mit Kindern gelesen werden, auch um sich dem Glossar (48-51) mit 17 erläuterten Begriffen anzunähern, um von Erwachsenen Ergänzungen bekommen zu können. Das könnte schon für Kinder ab 8 Jahren geschehen, aber sicher ist es sprachlich für Kinder ab 10 Jahren besser verständlich und auch – gegebenenfalls selbst - lesbar.
Vom Layout her hätte ich den Schrifttyp anders gewählt und die Schrift auch größer gesetzt.

LYDIA BERGIDA, MARCO LIMBERG, AUF DERSELBEN SEITE. DIE LETZTEN DER „GERECHTEN UNTER DEN VÖLKERN“, LEIPZIG: HENTRICH&HENTRICH: LEIPZIG 2025, SPRACHE: DEUTSCH, ENGLISCH, 140 SEITEN, 126 ABBILDUNGEN

Krystyna Kowalska schaut uns an. Sie ist 94 Jahre alt, lebt heute alleine in einer Warschauer Wohnung. Das aktuelle Weltgeschehen erfüllt sie mit Sorge, doch sie bejaht das Leben. „Menschliche Güte und Verständnis für unsere Situation als Juden“ (59) – so Anna Amalia 1993 – zeichnet sie aus. Anna-Maria Amalia-Zak geb. Oberländer-Drobot ist eine von vier Geretteten, ihrer Mutter und zwei Schwestern, die bei der Familie von Krystyna Kowalska ab 1942 Zuflucht fanden.
Krystyna Kowalska findet sich auf dem Titelfoto dieses wunderbaren Buches, das in unsere Zeit, in unser aktuelles Weltgeschehen passt, weil es zeigt, was dem Menschen an Gutem und Anstand möglich ist.

In unseren Zeitzeugenbegegnungen hören wir oft von diesen „Gerechten unter den Völkern“. Henriette Kretz, Boris Zabarko, Anna Pliszka, Anna Janowska-Cioncka, … würden heute nicht leben, wenn da nicht Menschen gewesen wären, die getan haben, was getan werden musste, weil sie fühlten und taten, dass sie „auf derselben Seite“ waren. „Wir waren alle Menschen.“ So sagt es Tadeusz Stankiewicz in dem Buch (7).

28.486 Menschen wurden von Yad Vashem mit dem Titel „Righteous Among the Nations – Chassidei Umot ha'Olam“ geehrt. Ein Viertel davon aus Polen, in Deutschland waren es 659. Weniger als 100 leben noch, 17 wurden für dieses Buch besucht.

Charlotte Knobloch schreibt so treffend im Geleitwort, dass es „die Tapferen und Gerechten unserer Zeit“ brauche. „Sie aber brauchen das historische Vorbild. Sie brauchen den Mut der ‚Gerechten‘ von damals. Diese Menschen dürfen nicht die ‚Letzten der Gerechten‘ sein. Wir brauchen neue.“ (4)

Danke an alle „Gerechten unter den Völkern“, die Fotografin Lydia Bergida, den Fotografen Marco Limberg und Hentrich&Hentrich, der dieses Buch verlegt.

TOVA FRIEDMAN, WIR KINDER VON AUSCHWITZ. WIE ICH DAS TODESLAGER ÜBERLEBTE, MÜNCHEN: PENGUIN 2025, 207 S., ILLUSTRATIONEN

Zunächst die Frage an den Verlag: Wieso wird aus dem Originaltitel „The Daughter of Auschwitz – The Girl Who Lived to Tell her Story“ der genannte deutsche Titel? Es geht um Tova, vormals Tola (den Namen änderte sie in Israel, 188), Friedman, und das zuerst, und natürlich geht es immer auch bei diesen ÜberLebensgeschichten um die Ermordeten, die ermordeten 1,5 Millionen jüdischen Kinder – denen das Buch gewidmet ist.

Das Buch ist die für junge Menschen geschriebene Fassung von „Ich war das Mädchen aus Auschwitz. Eine der letzten Überlebenden erzählt ihre Geschichte“ aus dem Jahr 2022 (dt. 2023). Doch wird die Geschichte von Tola Grossman dadurch nicht weniger grausam. Und es ist bei den Berichten von Holocaust-Überlebenden für Kinder und Jugendliche immer die Frage, wie sehr ins Detail dürfen sie gehen, wie ist – trotz allem – eine Hoffnungsperspektive zu sehen? Unabdingbar ist wohl, dass Erwachsene bereitstehen, auf Fragen zu antworten, die notwendigerweise auch bei diesem Buch kommen, das so viele „Leerstellen“ enthält, Bilder, die entstehen, weil sie nicht genauer beschrieben werden. Und natürlich wird dabei auch immer klar, wie unbegreiflich ist, was da geschah. Wenn Tola z.B. die Erschießung einer Mutter erlebt und schreibt „Ich sah zu dem Mann mit der Pistole. Er hatte ein zufriedenes Gesicht. In diesem Moment fürchtete ich die Nazis nicht nur. Ich verachtete sie.“ (64)

Nun ist es in gewisser Weise die Geschichte einer Kleinfamilie, die – trotzdem – überlebt, doch die Mutter von Tola ist die einzige Überlebende einer hundertfünfzigköpfigen Großfamilie (164) und der Vater verliert seine Schwester Helen, die wunderbare Tante von Tola, durch ein Pogrom in Łódź 1946 (160). Ein Foto ist in der Erwachsenenausgabe zu sehen, da der Vater das Foto seinerzeit in einer Zeitung gesehen hatte. Darin ist auch ein eingefärbtes Foto von Tola zu sehen, die russischen Kameraleuten ihre Tätowierung zeigt – eine der weltweit bekanntesten Filmaufnahmen über die Befreiung von Auschwitz-Birkenau (151). Und die überlebende Mutter, die so viel für ihre Tochter getan hat und sie am Leben gehalten hat, stirbt mit 45 Jahren – nach Zeiten schwerer Depression – am gebrochenen Herzen (187).

Tova Friedman hatte wie viele ÜberLebende Glück, aber auch einen unbändigen Lebenswillen („Zeige nicht, dass du Angst hast, Tola“ (46)), der immer auch in der Spannung steht von Regeln, die ihre Mutter ihr gegeben hat, z.B. sich nicht an Toten zu bereichern, die aber letztendlich den Toten in Auschwitz-Birkenau ihr Leben zu verdanken hat. Tova ist eine der wenigen, die lebend aus den Gaskammern von Auschwitz-Birkenau herauskommt (132-136). Sie ist eine der wenigen Kinder, die bis zur Liquidierung des Ghettos Tomaszów und des Arbeitslagers Starachowice am Leben bleibt.

An einigen Stellen kamen mir Erinnerungen an unsere Zeitzeuginnen hoch, wie die Zöpfe von Tola abgeschnitten werden (87) oder die Tätowierung der Nummer A-27633 (119) an Eva Szepesi (A-26877), „wir waren wie betäubt“ (44), eine Formulierung, die auch Krystyna Kozak gebrauchte, die Beschreibung deutscher Soldaten (25) an Henriette Kretz.

Tova Friedman endet mit einer Botschaft an die jungen Menschen (die bei Zeitzeugengesprächen immer auch fragen, was sie tun können): „Ich hoffe, dass ich in euch, … das Verlangen wecken konnte, aktiv zu einer menschlicheren Gesellschaft beizutragen. Ich wusste immer, dass mein Leben ein Geschenk ist, das ich nicht vergeuden darf. Das trifft auf uns alle zu.“ (191)

Tova Friedman unterhält einen tik-tok-Kanal @tovafriedman mit über einer halben Million Follower.

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