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Kurzrezensionen

Kurzrezensionen
Kurzrezensionen
Deutsche Nationalbibliothek © Stephan Jockel
© Wallstein Verlag GmbH, mit freundlicher Genehmigung

Bergen-Belsen ist für viele mit dem Namen Anne Frank verknüpft, die im März 1945 dort starb.
Zunächst als „Austauschlager“ geplant wurde es ab Ende 1944 zu einem Auffang- und Sterbelager. Mindestens 52.000 Menschen kamen dort ums Leben, 14.000 davon noch nach der Befreiung durch britische Soldaten.
Zsuzsa Merényi (1925-1990) kam Anfang Dezember 1944 als Susanne Schuller in Bergen-Belsen als 19jährige mit ihrer 11 Jahre älteren Schwester Lea an. Vom ersten Tag an bis nach den Tagen der Befreiung malt Zsuzsa Merényi ihre Erfahrungen in einen Notizkalender, bzw. Schulheft. Das Buch zeigt dieses auf 60 Seiten in leicht vergrößerter Darstellung und mit der deutschen Übersetzung der ungarischen Beschreibungen, sowie weiterführenden Erläuterungen, die Zsuzsa Merényi noch kurz vor ihrem Tod in einem Interview ergänzte. Einleitend wird in dem Buch das Konzentrationslager Bergen-Belsen, darunter noch einmal speziell das kulturelle Leben dort und das „Ungarnlager“, in dem Zsuzsa Merényi mit ihrer Schwester untergebracht war und ihr Lebenshintergrund (mit privaten Fotos und Abbildungen von Dokumenten) vorgestellt.
Bei der Anfertigung ihres Bildertagebuchs hatte Zsuzsa Merényi ihre Mutter (die im Ghetto in Budapest starb) im Blick und so wollte sie „nichts Tragisches drin“ sehen. Doch die Ängste, Hoffnungen und Absurditäten im Lager kommen zum Vorschein. Wie für eine Zeitung malt sie, was sie erlebt und ihr Mithäftlinge erzählen: „Wir essen zu Mittag“, „Wir werden ausgeführt“, „Ein Wunschtraum“, „Die aus der Weberei“. Diese außergewöhnlichen „Reisezeichnungen“ (wie Zsuzsa Merényi sie selbst nennt) schaffen eine – teilweise auch ironische - Distanz, die zugleich die vielen „Leerstellen“ im Erlebten erahnen lässt. Sie unterscheiden sich dabei von vergleichbaren anderen Bildserien von Häftlingen in Konzentrationslagern.
Geeignet halte ich das Buch für eine biografische Annäherung sowie als Einstieg in das System der nationalsozialistischen Konzentrationslager.

© Fachhochschulverlag, mit freundlicher Genehmigung

Direkte Zeitzeugnisse, unmittelbar 1945/1946 verfasst, sind selten. Es gibt Tagebücher aus den Jahren 1933-1945, wie das bekannte von Viktor Klemperer „Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten“ oder Anna Haags "Denken ist heute überhaupt nicht mehr Mode", oder Bernard Kliegers Aufzeichnungen nach seiner Befreiung "Der Weg den wir gingen".
Das Buch von Walter Jessel - „Class of ‘31“ im Original – beeindruckt, weil es unmittelbar 1945 Stimmen von Deutschen auffängt, wie sie „das tausendjährige Reich“ erlebten. Es sind Stimmen von Anhängern, von Mitläufern, von Distanzierten und Widerstandskämpfern – und alle waren sie, soweit sie noch lebten, Klassenkameraden von Walter Jessel bis zum Abitur 1931 an der Frankfurter Musterschule. Dieser hatte bereits 1933 Deutschland verlassen, 1938 wanderte er aus Palästina in die USA ein und kam von dort als Nachrichtenoffizier der 3. US-Armee 1945 nach Deutschland zurück.
Walter Jessel verfolgt die Frage, welche die überlebende Ehefrau des Klassenkameraden Arnulf Krauth, eines 1945 ums Leben gekommenen kommunistischen Widerstandskämpfers, stellt: „Was hielt die Deutschen zwölf Jahre lang davon ab, das Naziregime von der Erdoberfläche zu fegen?“
Jessel sieht schon 1945, dass die Nürnberger Prozesse zwar wichtig sind, aber davor zurückschrecken, „die menschlichen Grundlagen dieses höllischen Regimes zu erforschen.“
Es sind Grundfragen, die auch heute die Arbeit mit Zeitzeugen betreffen. Jessel findet einige Erklärungen, auch Antworten bei seinen Gesprächspartnern.
Das Buch bietet darüberhinaus noch sehr viel mehr. So auch einen Einblick in die Stimmungslage von Deutschen 1945, das Gefälle von Stadt und Land zu dieser Zeit, Eindrücke von Landschaften. Margrit Fröhlich, die Übersetzerin und Kommentatorin hat im Nachwort formuliert, was ebenso Motivation für die Begegnung mit Zeitzeugen ist: „Die (…) historischen Ereignisse bedürfen der lebendigen Erinnerung, so wie die Frage nach der Verantwortung jedes Einzelnen für das politische Geschehen heute .. .“

© Gräfe und Unzer Verlag, mit freundlicher Genehmigung

Vor ihrem hundertsten Geburtstag am 5. November 2021 erscheint dieses Gespräch von Margot Friedlänger mit Sabine Leutheusser-Schnarrenberger und dem Journalisten und Herausgeber Sascha Hellen. Ihre Biografie „Versuche, dein Leben zu machen“ hat Margot Friedländer 2008 geschrieben, kurz bevor sie aus New York nach Berlin dauerhaft zurückkehrte. Die letzten Worte ihrer Mutter im Titel der Autobiografie klingen auch in diesem Gespräch immer wieder an. „Menschen lieben“, „an das Gute im Menschen glauben“, „eine Chance nutzen“, „Hoffnung haben“, „Mensch sein“ – diese Überzeugungen von Margot Friedländer kommen auch bei jungen Menschen an. Tausenden Schüler*innen ist sie begegnet und freut sich über all die Dankesbriefe, die ihr zeigen, dass sie etwas bewirken kann im Erzählen ihrer Geschichte. Margot Friedländer sagt wie viele Zeitzeugen, dass das Durchleben ihrer Vergangenheit im Erzählen auch „eine Therapie für mich, die Dinge auszusprechen“ sei. Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, die heute Antisemitismusbeauftragte von NRW ist, bringt immer wieder aktuelle Bezüge ein, so die Einschätzung, dass sich Antisemitismus „in den letzten Jahren viel stärker verbreitet hat“. Auch die Frage, was Zeitzeugenbegegnungen heute und in Zukunft bedeuten und deren Wirksamkeit werden angesprochen. So findet auch das Projekt „Zweitzeugen“ seine Erwähnung. Es ist ein zutiefst optimistisches Buch, was nicht nur am Optimismus von Margot Friedlänger hängt. Einige Fragestellungen tauchen zwar wiederholt auf, was den von Margot Friedlänger gegebenen Antworten zu einer Deutlichkeit verhilft. Ein Teil des Buches betrifft auch die 52 Jahre lange Ehe mit Adolf Friedländer, die Zeit in den USA und das Hineinfinden in die Freiheit nach 1945. Und immer ist da der Schatten der Vergangenheit, der ihren Mann in seinen letzten Lebensmonaten einholt. Ja, „wir müssen dankbar sein, dass Zeitzeugen bereit sind, ihre Geschichte, ihr Erlebtes an uns weiterzugeben.“ (129), wie Sabine Leutheusser-Schnarrenberger sagt.

© Verlag Klett-Cotta

Ist Erinnerungskultur vorbei? Ist sie gut? Braucht es neue Namen? Sind die „Lasten des Nationalsozialismus (…) weitgehend abgetragen, die Aufträge, die er uns hinterlassen hat, alles in allem erfüllt“ (243)?
Per Leo bricht mit diesem Buch viele scheinbaren Selbstverständlichkeiten auf.
Doch die so eingestreute Bemerkung „Wäre ich noch ein Historiker, dürfte ich mir die folgende Vermutung nicht erlauben. Aber ich habe mit der Schriftstellerei ja nicht umsonst einen Beruf ergriffen, der zumindest in Deutschland die Lizenz zur nationalen Kathederrede enthält.“ (159) lässt zumindest die Vermutung aufkommen, ob dieses Buch eine Kathederrede ist, welche sich an vielen Historikern abarbeitet, die einen ins Töpfchen, die anderen ins Kröpfchen. Wobei sich nicht immer klar die Ironie des Autors auch in seinen (Selbst-)Zuschreibungen erkennen lässt.
Denn Per Leo scheint immer als Historiker, als Schriftsteller und als Enkel eines SS-Großvaters nachzusinnen über „die vielfältige Präsenz des Nationalsozialismus im Leben der Bundesrepublik Deutschland“. Erhellend ist dabei vieles, und das ein oder andere auch bekannt, über die Jahre unmittelbar nach 1945, die 1980er Jahre, die ostdeutsche Revolution von 1989 mit neuen Einsichten, wechselseitigen Zuschreibungen, wer die „besseren“ Deutschen seien: das sich von einer Diktatur selbst befreiende „Volk“ oder der von der amerikanischen Besatzung in die Entnazifizierung entlassene westliche Teil? Ausgehend von dem „Singularitätssatz“ des Holocaust als These oder Dogma, schreibt Leo am Ende des Buchs richtigerweise von der Spezifik der Shoah als größten Völkermord der Weltgeschichte. Immer wieder löckt er wider den Stachel der deutschen „Erinnerungsweltmeister“ und einer „Vergegenwärtigungstrance“, die „das Publikum im moralisch zweifelsfreien Gedenken in eine selbstgenügsame, gegenwartsblinde Ruhe“ (137) wiegt. Er bindet dies ein in neue Perspektiven, in vielfacher Hinsicht, beispielsweise aus polnischer Sicht, aus der Perspektive des Nah-Ost-Konflikts, aus der Perspektive des US-amerikanischen Holocaust-Gedenkens und vor allem immer im Blick auf ein deutsch-jüdisches Verhältnis.
Sehr gut gefallen hat mir sein Begriff von „der Unaufgeräumtheit der Geschichte“ (u.a.235), den er in einen Traum eines zukünftigen Leitbilds für den Geschichtsunterricht einbindet. Dazu gehört auch die so wichtige und wiederholt betonte Unterscheidung von Opferidentifikation oder Täteridentifikation.
Bezüglich einer zukünftigen Arbeit mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen ist sein Begriff einer lebendigen Geschichtskultur entscheidend. Diesen Begriff zu konkretisieren ist – bei allen bleibenden Fragezeichen und Anfragen - eine Aufgabe, die sich nach der Lektüre dieses Buchs für künftige Zeitzeugenprojekte stellt.

Danke an den Wallstein-Verlag, den Verlag Gräfe und Unzer, den Verlag Klett-Cotta für das Überlassen von Rezensionsexemplaren.

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